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Ausschnitt aus Baldassare Castigliones "Il Libro del Cortegiano" in einer venezianischen Ausgabe von 1556. Sichtbar ist die Passage mit der Formulierung „formar me stesso“, die im Kontext der FOR als frühneuzeitlicher Beleg für Selbstformungsvorstellungen dient

Teilprojekte

Das philosophiehistorische Teilprojekt beschäftigt sich mit Konzeptionen der Selbsterziehung in der Ethik der antiken Stoiker. In den erhaltenen Quellen und Texten zur stoischen Ethik finden sich vielfach Formulierungen, die Tugenderwerb und ethischen Fortschritt ausdrücklich als ein Sich-selbst-Formen des Menschen oder der Seele beschreiben. Ausgehend von diesen Formulierungen soll die stoische Konzeption der Selbsterziehung unter dem Begriff der Selbstformung rekonstruiert und als zentrales Element der stoischen Ethik hervorgehoben werden.
Das Promotionsprojekt untersucht die stoische Theorie der Selbsterziehung mit besonderem Augenmerk auf die Rolle sozialer Beziehungen. Den Stoikern zufolge sollen wir das Fürsorgeverhältnis, das wir ihrer Theorie zufolge von Natur aus zu uns selbst und nahen Angehörigen haben, schrittweise auf andere ausweiten, um am Ende alle Mitmenschen einzubeziehen. Dieses Ideal der Selbsterziehung soll rekonstruiert und systematisch evaluiert werden. 
Zum epochenübergreifenden Forschungsvorhaben der FOR trägt das Teilprojekt die Perspektive der antiken Tugendethik bei, die allgemeine und objektivistische Normen der Selbstformung entwickelt. Hier besteht ein markanter Kontrast zu individualistischen Selbstformungsidealen der Moderne und Gegenwart.

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Das kunsthistorische Teilprojekt erforscht Selbstentwürfe von Künstlerinnen im Medium des Bildes. Im Zentrum stehen neuzeitliche Selbstbildnisse, in denen mittels Gesicht, Körper, Attributen, Affekten und Rollenbezügen gesellschaftlich adäquates Auftreten modelliert und zugleich reflektiert wird. Das Bildnis wird damit als gestaltetes Medium verstanden, in dem Selbstformung sichtbar und verhandelbar wird.

Das Promotionsprojekt und das Postdoc-Projekt bearbeiten unterschiedliche historische, mediale und materielle Konstellationen weiblicher Selbstformung im neuzeitlichen Bildnis. Analysiert werden unter anderem Formen der Rolleneinnahme, der Maskerade, der dissimulatio und des decorum sowie die Frage, wie Künstlerinnen geschlechtliche und soziale Rollenerwartungen aufnehmen, verschieben oder überschreiten.

Weiter zu Teilprojekt 2

Das transkulturelle Teilprojekt untersucht Selbstformung aus globaler Perspektive. Es fragt, wie künstlerische Praxis, Sammeln und Kompilieren als Konstellationen des Selbst wirksam werden und wie Bilder, Objekte, religiöse Vorstellungen, Sammlungsordnungen und kulturelle Deutungsmuster an solchen Selbstformungsprozessen beteiligt sind. Sammlungen und Kompilationen werden dabei nicht nur als Produkte, sondern als Möglichkeitsräume und Aktanten reziproker Selbstformung verstanden.
Das Postdoc-Projekt widmet sich insbesondere indischen Bildkompendien hinduistischer Thematik, die im 18. Jahrhundert im Kontext kolonialer Auftraggeberschaft und lokaler künstlerischer Produktion entstanden und als autoethnographische Selbstrepräsentationen hinduistischer Kulturen und Glaubenspraktiken sowie zugleich als Medien europäischer Selbstmodellierung gelesen werden.

Innerhalb der FOR erweitert das Teilprojekt die Frage nach den Machbarkeiten des Selbst um eine dezidiert transkulturelle und objektbezogene Perspektive. Es verbindet die Untersuchung medialer Selbstformung mit Fragen nach Sammlung, Kompilation, Aneignung, kultureller Übersetzung und kolonialen Machtverhältnissen und stellt damit wichtige Bezüge zu den kunsthistorischen, geschichtswissenschaftlichen und gegenwartsbezogenen Teilprojekten her.

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Die Vorstellung, etwas aus sich machen zu können, bildete ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine spezifische Form der „Machbarkeit des Selbst“, die Verheißung, Anforderung und Bedrohung zugleich war. Vor dem Hintergrund dieser neuen Perspektive auf menschliche Lebenswege fragt das historische Projekt nach den konkreten Formen, Praktiken und Ausmaßen der Selbstformung. Im Spannungsfeld von aktiver Selbstformung und sozialen Aushandlungsprozessen liegt das Erkenntnisinteresse auf der medialen und performativen Dimension der Herstellung und Vermittlung des Selbst.
Das an der Universität Siegen angesiedelte Teilprojekt fokussiert Selbstformung unter den Bedingungen der (entstehenden) Industriemoderne mit ihren neuen Formen sozialer Mobilität auf mehreren Ebenen, insbesondere mit Blick auf geschlechts- und schichtspezifische Ausprägungen: Die Teilprojekt-Leiterin perspektiviert neuartige Vorstellungen von Lebenswegen, Gelegenheiten und Ressourcen der Selbstformung als Triebkraft gesellschaftlicher Transformation. Das Postdoc-Projekt geht dem neu aufkommenden Topos der Chance zwischen den 1860er und 1960er Jahren nach, um den Wandel von Handlungsspielräumen und -präferenzen in der Gestaltung von Biografien zu zeigen; das Promotionsprojekt nimmt mit „Selfmade“-Männern und -Frauen in der Bundesrepublik eine konkrete Gruppe in ihren Möglichkeiten und Grenzen des „Etwas-aus-sich-Machens“ in den Blick.

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Das amerikanistische Teilprojekt untersucht algorithmische Selbstformung, etwa bei Influencer*innen und Social-Media-Nutzer*innen, im Dialog mit deren literarischer Verhandlung in US-amerikanischen Gegenwartsromanen, um mediale und technologische „Machbarkeiten des Selbst" vor dem Hintergrund US-amerikanischer Diskurse des self-making zu beleuchten.
Die historische Aufnahme einer Arbeiterin an einer Jacquard-gesteuerten Spitzenmaschine führt weiblich konnotierte Handarbeit und algorithmische Steuerung in einem Bild zusammen. Die Arbeiterin setzt die Lochkarten von Hand ein, zugleich legen diese den Ablauf der Maschine nach einem vorgegebenen Muster fest. Damit stellt sich eine Frage, die auch das Teilprojekt beschäftigt: Wer formt wen?

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